Kommt das Aus für die Sportart Ringen?
Anläßlich des letzten IOC Meetings zu Anfang Februar 2013 in Lausanne wurde die anwesende Fachprese und danach die Weltöffentlichkeit mit einer Meldung überrascht: Die altehrwürdige Kampfdisziplin Ringen soll ab 2020 aus der Liste der Olympischen Sommersportarten gestrichen werden, damit andere, medienwirksamere Sportarten ins Programm aufgenommen werden können. Im Gespräch sind Baseball/Softball, Klettern, Karate, Rollschuhsport, Squash, Wakeboarden oder Wushu.
Stürmische Proteste gegen eine Streichung des Ringen aus dem Olympiaprogramm
Mit Bekanntwerden dieser Modernisierungsansage liefen weltweit die Ticker heiss. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, die jahrhundertealte Sportkultur Ringen für die Kommerzialisierung des Premium-Produkts Olympia geopfert zu haben.
Insbesondere aus den Ländern mit erfolgreichen Ringersportlern wie Russland und weiteren Ostblockstaaten, aus der Türkei, Bulgarien, Griechenland, Japan oder Iran, die durchaus einen Teil ihrer nationalen Identität mit ihren Sporthelden definieren, kamen stürmische Proteste. Der Deutsche Ringer-Verband rechnete bereits hoch, dass ein Ausscheiden aus dem Olympiaprogramm mit dem Verlust von zwei Dritteln der jährlichen Fördergelder verbunden wäre.
Die Gefahr eines Ausscheidens wurde unterschätzt
Offensichtlich waren weder die Sportler, noch ihre Ringer-Organisationen auf diese negative Entscheidung des IOC vorbereitet. Ein informelles Vakuum, welches allerdings auch die jahrzehntelange Untätigkeit des Ringer-Verbandes in punkto Eigenprofilierung und neuzeitliche Informationspolitik und die mangelnde Medienpräsenz bzw. Medieneignung des Ringens bestätigt. Auf dem Fuße folgte auch sogleich eine prominente Personalentscheidung – Raphael Martinetti, der Präsident des Ringer Weltverbandes FILA, ist kurzfristig mehr oder weniger freiwillig zurückgetreten.
Nachdem nun die erste Welle der Empörung inzwischen rund um den Globus gewandert ist, lassen sich inzwischen etwas deutlichere Konturen der öffentlichen Diskussion erkennen. Dabei spalten sich die Gemüter insbesondere in zwei Aspekten:
Contra:
Einerseits wird die Meinung vertreten, dass die modernen Olympics auch eine kulturhistorische Verpflichtung haben, die zu den Ursprüngen der historischen Spiele in Griechenland verbindet. Es gibt kaum eine traditionsreichere Olympia-Sportart als Ringen und lange Zeit gehörte er Kampfsport auch zu den spektakulärsten olympischen Sportarten. Tatsächlich zählte die Disziplin bereits vor rund 2700 Jahren zu den Stammwettkämpfen der edlen Recken am Pelepones. Auch bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahr 1896 war der Sport gesetzt (zumindest für die Männer). Seit einigen Jahren hatte zuletzt auch die Frauen das Ringen als Wettkampfdisziplin entdeckt. Überhaupt ist wohl Ringen ein dem Menschen typischer und intuitiver Kampfstil, der bereits im Kindesalter ausgefochten wird.
Die leidtragenden Ringer und die goldbehängten Nationen bemängeln sich nicht zu Unrecht, dass Ringen konkret in dieser IOC Versammlung gegen andere Ausscheidungskandidaten wie Moderner Fünfkampf, Kanu oder Hockey verloren hat. Für Russland, dass bereits 77 Goldmedaillen im Ringen erfochten hat, bedeutet das Aus ein schmerzlicher Verlust und eine zukünftige Abwertung im Medaillenspiegel der Nationen. Die Deutschen können sich dagegen glücklich schätzen, denn im Kanu und Hockey gewinnen deutsche Athleten traditionell viele Medaillen. Ringen allerdings hat in Westeuropa eher das Image, eine Sportart für die unteren sozialen Schichten zu sein. Der Vorwurf aus Osteuropa und Orient lautet daher, dass das IOC-Exekutivkomitee weitgehend den Interessen der westeuropäischen Sportnationen unterstützt (und die Erfolge Russlands fürchtet).
Pro:
Die andere Perspektive der Modernisierer spricht von einer altmodischen, nicht medienwirksamen Sportart, die dem Trend zu medienwirksamen, oft auch illustren Extremsportarten zuwiderläuft. Die Zuschauer können dem Wettkampfgeschehen oft nicht folgen, die Unterschiede der Kampfstile “griechisch-römisch” und “Freistil” ist nur den wenigsten bekannt. Auch im Fernsehen ist oft nur ein “Körpergewurschtel”, dann wieder komplettes Verharren der schweren Athleten auf der Matte zu verfolgen, dessen Verlauf zum Vorteil der einen oder anderen Mannschaft schwer nachzuvollziehen ist.
Seit sich die Jugend der Welt alternativen, immer extremeren Sportarten zuwendet, blickt das IOC sorgenvoll in die Zukunft seiner Spiele. Man möchte sich von Karteileichen trennen, zumal eine ganze Reihe neuer Sportarten in der Schlange der Neubewerber stehen. Heute sind Action, Spannung und Rasanz, sowie eine übersichtliche Wettkampfdarstellung die modernen K.-o.-Kriterien. Ein gelungenes Beispiel für eine sportliche Neueinführung ist Beachvolleyball, dass sich nach anfänglichen Schwierigkeiten hervorragend etablieren konnte. Zusätzlich wird jede erfolgreiche Sportart auch als Gameplay für Konsolen bzw. Browser auf den Markt gebracht. Hierzu sollte der Wettkampfablauf eine gewisse Bildschirm-Kompatibilität aufweisen, um die Skillgamer zu begeistern.
Wie geht es weiter?
Es ist anzumerken, dass ab 2010 mit den ersten Olympischen Jugendspiele bereits eine neue Serie gestartet ist, die insbesondere die Interessen der jungen Sportler und Nachwuchstalente vertritt. Hier stellt sich die Frage, ob die Youth Olympic Games (YOG) ein möglichst klassisches Olympia Programm, quasi zur Vorbereitung anbieten sollten oder ein unabhängiges Sportprogramm mit (wechselnder) Auswahl moderner Trendsportarten präsentieren könnten. Überdies wurden zuletzt mit Golf und Rugby zwei neue Sportarten für 2016 in Rio aufgenommen, die wohl auch nicht zu den populären Breitensportarten gehören. Im Falle von Golf scheinen ziemlich offensichtlich eher die starke Lobbyarbeit des Verbande und amerikanische Medieninteressen im Vordergrund zu stehen. Ein Pfund, das den Ringern offensichtlich nicht zur Verfügung steht.
Noch ist die Entscheidung über das Ausscheiden des Ringer Sports nicht rechtskräftig. Erst in der Vollversammlung des IOC im Sept. 2013 in Buenos Aires soll dieser Ausschluß beschieden werden. Ein letzter Strohhalm wäre es, die Entscheidung anläßlich dieser IOC-Session, quasi als Ergebnis des angelaufenen Protesthagels, zu revidieren.
Das IOC wird in Buenos Aires gleich mehrere Entscheidungen mit großer Tragweite zu fällen: Neben der anstehenden Neuwahl des IOC Präsidenten soll im Sept. 2013 auch die Vergabe der Sommerspiele 2020 entschieden werden – Und ausgerechnet Japan, dass sich mit Tokyo als Kandidat in diesem Rennen befindet, stellt als zentrales Bewerbergesicht die 10-malige Weltmeisterin und Olympiasiegerin Saori Yoshida (2004, 2008 und 2012 Olympiasiegerin im freien Stil in der Gewichtsklasse bis 55 Kilogramm) in den Fokus seiner Kampagne!
Noch bis Ende Mai plant der Weltverband des Ringersport FILA eine Präsentation vor dem IOC in St. Petersburg zu organisieren, um ebenfalls die Hintergründe der Entscheidung zu diskutieren. Anderenfalls gäbe es für die urolympischen Ringer dann noch eine Hoffnung: Sie ziehen in eine Trostrunde ein und können sich gegen die Anwärter wie Wakeboarding (Wellenreiten auf dem Brett) und Wushu (chinesische Kampfkunst) ins Spieleprogramm zurückkämpfen….





